«20 Jahre April-Scherze»
08.04.2026 Kultur&Natur, RomanshornAls der «Seeblick» die beiden Erst-April-Spassvögel Manuel Bilgeri und Michael Helg beim Interviewlokal antrifft, grinsen dem Schreibenden zwei schelmische Gesichter entgegen. Spitzbübisch, mit dem Schalk im Nacken, auch wenn die beiden Aprilscherzmacher gestandene Herren sind. Mit einem angereicherten «Coci» bewaffnet, stellen sie sich den Fragen.
Warum beendet ihr eure selbstgezimmerte Tradition der Romanshorner Aprilscherze?
Bilgeri: Jetzt, zum zwanzigjährigen Jubiläum aufzuhören, schien uns ein guter Zeitpunkt. Der Druck, den wir uns selbst machten, etwas Originelles zu organisieren, wurde immer grösser. Ideen und Themen zu finden, wurde nicht einfacher.
Helg: Tja, und wir haben doch so manchen Gemeinderat überlebt…
Bilgeri: …sogar manchen Stadtpräsidenten!
Helg: Und dieses Jahr wurde unsere Aktion bereits vor dem Mittag weggeräumt…
Bilgeri: …was auch zeigt, dass viele die Tradition des Aprilscherzes nicht mehr kennen. Aber bei der Stadt hatten wir mit der Zeit einen Bonus, weil sie wussten, dass wir nach unseren Aktionen immer alles wieder aufräumen und nie etwas kaputtmachen…
Nie etwas kaputtmachen? … da kommt mir aber eine Aktion mit Anzeigetafeln in den Sinn…
Helg: …oh, da sage ich gar nichts (grinst).
Bilgeri: Ja, ich weiss, 2010, das Überkleben der neuen digitalen Anzeigetafeln artete aus. Wir wollten eine kleine Aktion machen, diese Tafeln mit Plakaten überkleben. Unsere Überklebung wurden schon am Morgen früh entfernt… von der Stadt… wir hatten noch Freude, dass wir nicht aufräumen müssen. Aber ein paar Tage später telefonierte mir die Zeitung und fragte, ob ich zum Beschädigungsfall Stellung beziehen wolle: die Displays trugen Klebspuren und galten als beschädigt.
Helg: Bei den neuen Anzeigetafeln würde ich mich nicht mehr getrauen (grinst).
Bilgeri: Dann brannte der Streit über mehrere Wochen hinweg. Erst gingen wir selbst an die Reinigung der Tafeln und erhielten von der Bevölkerung sogar wertvolle Putz-Tipps.
Die Aktion ging medial auch ziemlich ab. Welche Tipps erhieltet ihr beispielsweise?
Bilgeri: Wir sollen es mit Butter versuchen. Wir reinigten und schrubbten dann mehrere Stunden. Das Resultat war nicht perfekt. Aber wir mussten immerhin nicht mehr alle vier Tafeln bezahlen…
Dieses Missgeschick war damals aber kein Grund, mit den Aprilscherzen aufzuhören, oder?
Bilgeri: Nein, wir dachten, jetzt erst recht!
Helg: Die vielen Leserbriefe ermutigten uns, weiterzumachen. Die Romanshorner standen hinter uns…
Gehen wir ganz zum Beginn. Wie entstand die Idee zum ersten Streich?
Helg: Das war eine Schnapsidee im Ausgang. Damals war «Mocmoc» aktuell und gleichzeitig Vogelgrippe-Zeit. Das passte wunderbar − also packten wir den Vogel ein
.
Bilgeri: Na ja, wir hatten ihn nicht eingepackt, sondern bauten eine Absperrung rundherum, damit Abstand gehalten wird.
Helg: Da waren wir der Zeit von Corona ja voll voraus!
Wie waren damals die Reaktionen auf diesen ersten Scherz?
Helg: An diesem 1. April hatte ich meinen ersten grossen Feuerwehreinsatz. Da hörte ich im Einsatzauto die anderen über den Aprilscherz plaudern. Ich sass da und freute mich innerlich, dass der Scherz wahrgenommen wurde. Aber sonst hörten wir noch wenig.
Bilgeri: Na ja, die Leute wussten ja auch nicht, dass WIR hinter den Aktionen steckten.
Wie lange wusste die Bevölkerung nicht, wer hinter den Scherzen steckte?
Bilgeri: Bis zur fünften Aktion im 2010, als wir mit der oben schon erwähnten Anzeige-Aktion aufflogen. Zwei Jahre davor agierten wir bei der Barrieren-Aktion beim Hafen noch maskiert.
Was war das für ein Scherz?
Bilgeri: Wir stellten beim Hafen selbst gebaute Barrieren auf und verlangten eine Durchfahrgebühr. Speziell war, dass wir nicht einfach in der Nacht etwas aufbauten, sondern den ganzen Tag vor Ort waren, um abzukassieren. Wir standen vor dem «Seerestaurant» und verlangten einen Franken für die Durchfahrt
Helg: Oder 5.− für die Tageskarte! (Sagts, und grinst beim Gedanken an den Streich). Als der Werkhof intervenierte, kam Thomas Niederberger, der damalige Gemeindeschreiber, und meinte, von ihm aus könnten wir das den ganzen Tag lang machen…
Bilgeri: (lachend) Also war das unser Auftrag.
Helg: Auch, als dann die Polizei kam und nach der Bewilligung fragte, konnten wir deshalb frech sagen, wir hätten eine, vom Gemeindeschreiber himself!
Bilgeri: Hey, Michi, das ist alter Kaffee, das stand schon in der Zeitung…. Apropos Kaffee…schön war bei der Aktion, dass die Nachbarn für uns sorgten. Ein Beizer brachte Kaffee, ein Nachbar ein süffiges Getränk und das Schönste: ein Anwohner filmte die Aktion aus seinem Haus und schenkte uns im Nachhinein einen Zusammenschnitt.
Helg: Und eine Anwohnerin kaufte aus Sympathie sogar zwei Tageskarten!
Und was geschah mit dem Erlös?
Helg: Wir haben über den ganzen Tag 80 Franken eingenommen…
Bilgeri: …die wir für die nächsten Aktionen investierten.
Geld machen war also nie der Antrieb − sondern?
Bilgeri: Ursprünglich einfach unser kindlicher Spieltrieb. Spass haben und Spass bereiten.
Helg: Ja, wir fanden es geil, jeweils etwas zu installieren oder zu inszenieren, wo Menschen veräppelt wurden. Nie bösartig, sondern humorvoll.
Hattet ihr Feedback von Menschen, die veräppelt wurden?
Helg: Ja, bei der Zooaktion. Da installierten wir einen Zoo an den See. Das waren aber nur unsere Figuren des Fastnachtswagens. Wir stellten überall Wegweiser auf «Zum ZOO». Da reagierte ein Kollege erbost… denn er war am Sonntag mit der ganzen Familie unterwegs und wollte den Seinen etwas Besonderes bieten… den Zoo. Aber da standen nur gerade sechs Fasnachts-Holzplatten-Tiere. Da stand er als Vater etwas im Schilf.
Welches war euer bester Scherz?
Beide wie aus der Kanone geschossen: Das mit der Barriere!
Bilgeri: Weil wir den ganzen Tag vor Ort waren. Hier ernst zu bleiben, war für uns nicht einfach!
Welchen Scherz würdet ihr heute nicht mehr durchführen?
Helg: Das mit dem Infotafeln-Abkleben. Weil die aktuellen Infotafeln nicht mehr so hässlich sind.
Bilgeri: Ja, und weil wir heute wissen, welches Nachspiel das Ganze hatte. Aber sonst, die Aktion beim Hafen, als wir bei der Hafenmauer ein Absperrband anbrachten und sagten, es gäbe hier bald einen Zaun. Das verstanden einige Menschen gar nicht.
Aber das ist heute wohl auch etwas ein Problem: Einzelne Personen fühlen sich betroffen und reagieren sofort medial. Thema Shitstorm.
Wurde es also immer schwieriger, Aktionen zu kreieren?
Bilgeri: Nicht generell. Unsere Aktionen waren verschieden aufwendig…
Helg: .aber, was es mit der Zeit natürlich vereinfachte: wir waren ein eingespieltes Team!
Bilgeri: Genau! Michi übernahm die handwerklichen Arbeiten und ich war eher der Gestalter. So ergänzten wir uns bestens!
Wünscht ihr euch eine Nachfolge?
Bilgeri: Klar, das fände ich toll, da wäre ich sogar stolz darauf, dass wir etwas geschaffen haben, das weiterlebt.
Helg: Ja, das wäre cool. aber ich glaube nicht daran. Heute sind doch alle zu faul, um sich zu engagieren. – Aber…on verra!
Danke für das spannende Gespräch, vor allem auch für eure Aktionen, welche vielen Menschen Freude bereiteten und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zauberten. …und jetzt: viel Musse im «Ruhestand»!
Helg: (grinst über das ganze Gesicht) Danke!
Bilgeri: Mal schauen, was kommt! Und gell, Romanshorn, einfach nicht vergessen, dass ihr auch ohne uns mehr lachen sollt!
Das Interview führte
Christoph Sutter
