Sprung in der Schüssel
06.08.2026 Kolumnen, Romanshorn, Salmsach, UttwilSprung in der Schüssel
Eine alte asiatische Weisheit
In China lebte eine Frau,
die lief, obwohl betagt und grau,
tagtäglich aus dem Dorf hinaus
und holte Wasser in ihr Haus.
Vom Brunnen, der hier draussen lag,
trug sie das Wasser jeden Tag,
in Schüsseln abgefüllt, zurück.
Zwei Schüsseln reichten ihr zum Glück.
Die hingen an der Schulterstange.
Die linke Schüssel war schon lange defekt,
mit einem Sprung, recht gross,
die andere war makellos.
Zurückgekehrt ins traute Heim
war s’Fazit stets derselbe Reim:
Die rechte Schüssel voll und schwer,
die linke aber halbwegs leer.
Die makellose Schüssel war
sehr stolz auf ihre Leistung – klar!
Die andre Schüssel schämte sich,
war deprimiert und grämte sich,
dass sie nur halbe Leistung brachte,
weil auf dem Weg das Wasser sachte
durch ihren Sprung zu Boden rann.
Die Frau sprach, leise lächelnd, dann:
«Hast, Schüssel, du noch nie gesehen?
Auf deiner Weges Seite stehen
und blühen Blumen! S’ist ein Traum!
Doch auf der andern Seite kaum.
Das Wasser, welches aus dir floss,
die Pflanzenwelt am Rand begoss.
Sie gäb es nicht und würd vermisst,
wenn du nicht wärst, so wie du bist!»
Christoph Sutter
verse.ch
