«Bartleby, der Schreiber»; Eine Geschichte aus der Wall Street
26.03.2026 Kolumnen, Uttwil , Salmsach, RomanshornMargrit Stickelberger

«Bartleby, der Schreiber»
Eine Geschichte aus der Wall Street
von Herman Melville
Kampa-Verlag 2025
Bartleby ist eine berührende Figur, fleissig, pünktlich, anspruchslos. Sein Chef ist von ihm und seinen idealen Angestellteneigenschaften angetan. Umso verblüffter ist er, wie Bartleby bei allen zusätzlichen Aufgaben, um deren Erledigung er gebeten wird, ruhig sagt: «Ich möchte es lieber nicht tun.» Dieser sanften und gleichzeitig sturen Verweigerung ist der um Verständnis bemühte Chef nicht gewachsen. Bartleby verweigert jede Bitte und jeden Befehl, sodass der Chef schliesslich selber aus dem Büro auszieht, weil Bartleby auch die Kündigung «lieber nicht» annehmen möchte.
Der neue Chef hat wenig Verständnis für dieses Benehmen und lässt Bartleby mit der Polizei abführen. Eine Haltung, die der Leser heimlich auch einnimmt. Im Gefängnis erstreckt sich die Verweigerung Bartlebys auch auf die Nahrungseinnahme und er geht buchstäblich ein. Der alte Chef, der irgendwie an Bartleby hängt und sein Verhalten verstehen möchte, besucht ihn im Gefängnis und trifft ihn nur noch tot an. Dabei erfährt er aber etwas, was für ihn und auch für uns Leser die Lösung des Rätsels sein könnte und was ich hier nicht verraten möchte.
Diese kleine Geschichte hat Herman Melville (1819–1891) 1853 geschrieben, zwei Jahre nach seinem berühmten Roman «Moby Dick». Sowohl «Moby Dick» als auch «Bartleby, der Schreiber» wurden zur Erscheinungszeit nicht verstanden. Erst mehr als 100 Jahre später wurde «Bartleby» mit Faszination gelesen und die Geschichte regt bis heute zu vielen Deutungen an.
Ich empfehle die Ausgabe des Kampa-Verlags in der Übersetzung von Karl-Heinz Ott, der auch ein wunderbares Essay angefügt hat mit der Wirkungsgeschichte dieser einmaligen Erzählung.
