Kühle Köpfe für heisse Zeiten − Runder Tisch zur Klimazukunft Romanshorns
05.10.2026 Brennpunkt, RomanshornEs muss schon eine besonders brennende Thematik sein, wenn einer Einladung der Interpartei zehn Fachpersonen zur gleichen Angelegenheit Stellung beziehen: «Hitzewellen vorbei – was heisst das für die Zukunft?»
So konnte Interparteipräsident Markus Bösch neben den Referenten eine ansehnliche Publikumsschar begrüssen und spürte in einem ersten Teil bei den eingeladenen Entscheidungsträgern der Frage nach, was der extreme Sommer 2026 für sie und ihre Branche bedeutete. Während die aussergewöhnliche Hitze bei Schulen das Lernen in den Schulräumen, bei der Feuerwehr das Arbeiten in den Ausrüstungen und im Alterszentrum den Alltag in den Zimmern herausfordernd gestaltete, verwies die Gemeinde auf eine Studie, die besagte, dass die Hitze zu einem markanten Produktivitätsverlust führt. Den Landwirten fehlten die Weiden und somit beträchtlich Tierfutter. Förster Suter musste bereits im August braungefärbte Buchen beobachten – das volle Ausmass der Trockenheit wird sich im Wald aber erst im nächsten Frühjahr zeigen. Astabbrüche und das grosse Aufkommen an Borkenkäfern stellen weitere Waldprobleme dar.
Dramatisch beeinflusste der hiesige Sommer die Fischerei: Bäche trockneten ganz aus oder führten wenig und viel zu warmes Wasser, was sich für die Fischpopulation tragisch auswirkte. Zudem fehlen Insekten als Nahrungsgrundlage. Die Wasserversorgung in Romanshorn war angespannt, die 40 % Mehrwasserverbrauch konnten durch das EW aber bewältigt werden. Dass durch die Klimaveränderung andere Schutzmassnahmen nötig werden, erläuterte Andrea Roth von Geobrugg.
Zukunftsaussichten und Massnahmenplan
Nach dieser breit gefächerten Auslegeordnung informierte Werner Verand vom Kanton in seinem Referat vor allem die Zukunftsaussichten und den Massnahmenplan des Kantons für die Jahre 2027−2031. Dieser umfasst 71 Massnahmen zum Klimaschutz, wie beispielsweise Massnahme 50: «Ein integriertes Wassermanagement erarbeiten».
Auswirkungen erst in hundert Jahren zu sehen
Im dritten Teil zeigten die Fachpersonen konkrete Massnahmen auf. Jo van der Bie berichtete, dass sie bereits dran sind, die Reservoirleitung zu erneuern und zu vergrössern. Zudem hilft eine regionale Vernetzung der Versorgungssicherheit der nächsten 10−15 Jahre.
Beni Suter als Förster zeigte auf, dass Veränderungen im Wald viel Zeit bräuchten und die wirklichen Auswirkungen erst in hundert Jahren zu sehen seien. Sicher werden aber andere Baumbestände, auch Gastbaumarten in die Wälder Einzug halten.
Andreas Steinke vom Alterszentrum Holzenstein berichtete von mehr Schattenplätzen und dass die Erdsonden-Heizung auch als Kühlsystem gebraucht werden könne.
Andrea Roth von Geobrugg will mit Green Steel und e-Mobilität umweltverträglicher produzieren. Zudem werden zukünftig extreme Ereignisse neue Schutzsysteme verlangen. Jürg Marolf verwies als Fischereivertreter darauf, dass der Hitzesommer leider in seinem Bereich eine alte Thematik sichtbar machte. Um den Fischen das Überleben zu sichern, müssen Bäche zwingend schattiert sein, also von Hecken, Bäumen und Sträuchern gesäumt. Zudem müssen – wie im Rhein schon geschehen – weitere Kaltwasser-Löcher entstehen, damit die Fische dorthin fliehen können, wenn das Wasser zu warm wird.
Klima-Oasen schaffen: Schwammstadt und Fassadengrün – Wege aus der Sommerhitze
Andreas Kugler sinnierte, dass extensive Wiesen wohl in der Zukunft nicht mehr das Richtige sind. Dass sicher die Wasserrückhaltung in den Böden angegangen werden muss. Philipp Gemperle informierte als Stadtrat, dass Romanshorn eine Grünflächenziffer definiert hat und dass mit dem Gestaltungsplan Bauten und Umgebungsgestaltung definiert wird. Immer sei es aber ein Abwägen und man wolle vielmehr Anreize als nur neue Vorschriften schaffen. Aber oft gäbe es auch Interessens-Dilemmata. Beispielsweise wolle man eine Schwammstadt sein, also möglichst viel Wasser in den Böden speichern und zurückhalten wollen – andererseits baue man viele Tiefgaragen, um die Autos von der Oberfläche verschwinden zu lassen. Beide Massnahmen hätten ihre Berechtigung – seien aber diametral verschieden.
Claudia Brunner berichtete, dass im neuen Zelglischulhaus eine beschattete Aussenfassade geplant sei. Beim Oberschulhaus sollen neue Bäume gepflanzt werden. Feuerwehrkommandant Andreas Dalcher schliesslich erwähnte die Zusammenarbeit mit anderen Feuerwehren. Ihm machen feuertechnisch aber die vielen Billigakkus, welche zu Bränden führen, mehr Sorgen als die reine Hitze.
Eine lebhafte Diskussion zeigte zum Schluss auf, dass es zwar nützlich ist, in der heissen Sache einen kühlen Kopf zu bewahren …, aber auch, dass das allein nicht genügt. Jetzt braucht es Reaktionen und Massnahmen. Immerhin konnte Moderator Markus Bösch zum Schluss feststellen, dass knapp die Hälfte der Anwesenden doch ein bisschen beruhigter nach Hause gehe – auch im Wissen: heisse Themen kann man verdrängen, den nächsten heissen Sommer wohl nicht.
Christoph Sutter
