Interreligiöser Arbeitskreis begleitet Religionspolitik und Zusammenleben im Thurgau
27.04.2026 BrennpunktDer Interreligiöse Arbeitskreis Thurgau verortet seine Arbeit klar religionspolitisch. An seiner Mitgliederversammlung vom Donnerstag, 7. Mai, zeigt Rafaela Estermann in einem Impulsreferat, warum interreligiöser Dialog auch in einer zunehmend säkularen Gesellschaft unverzichtbar bleibt – und wen er neu erreichen muss. Präsident Matthias Loretan macht in seinem Jahresbericht deutlich, wie diese Anliegen konkret umgesetzt wurden.
Rafaela Estermann ist stellvertretende Geschäftsführerin und fachliche Leiterin von IRAS COTIS, der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz. Sie fordert, den interreligiösen Dialog stärker für Nicht Religiöse zu öffnen. Gesellschaftliche Konflikte rund um Religion würden längst nicht mehr nur zwischen Glaubensgemeinschaften ausgetragen, sondern in einem breiteren politischen und sozialen Raum. Dialog müsse deshalb realistischer, gesellschaftlich verankert und anschlussfähig bleiben.
Jahresbericht des Präsidenten
Im Jahresbericht zeigt Präsident Matthias Loretan, wie der Interreligiöse Arbeitskreis neben Dialog-Events und Bildungsveranstaltungen die religionspolitischen Auseinandersetzungen im Kanton Thurgau begleitet und den Austausch zwischen Religionsgemeinschaften, Behörden und Öffentlichkeit unterstützt. Ziel des Arbeitskreises ist es, religiöse Bedürfnisse sorgfältig zu reflektieren, die rechtlichen Rahmenbedingungen transparent zu klären und eine sachliche, konstruktive Diskussion zu fördern.
Das zeigte sich exemplarisch im Abstimmungskampf um die muslimischen Grabfelder in Weinfelden: Der Arbeitskreis blieb im Hintergrund und wirkte beratend. Er brachte spezifisch (inter-)religiöse Perspektiven auf Friedhofskultur, Tröstung und Trauerarbeit in die Diskussion ein und half, die damit verbundenen Bedürfnisse für die Praxis zu konkretisieren. Anschliessend wurden mögliche Wege geprüft, wie sich diese Anliegen – im Rahmen der demokratischen Mehrheitsentscheidung – rechtlich und organisatorisch umsetzen lassen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit dem islamischen Religionsunterricht (IRU) in mehreren Thurgauer Gemeinden. Der Interreligiöse Arbeitskreis brachte hierzu Erfahrungswissen und unterschiedliche religiöse Perspektiven ein und half, zentrale Fragen zu strukturieren: Wie ist rechtliche Gleichbehandlung zu verstehen? Welche Rolle kommt dem Staat zu? Und welche Voraussetzungen braucht gesellschaftliche Akzeptanz? Zuhanden des Regierungsrates sowie des Grossen Rates nahm der Vorstand ausführlich Stellung zur Motion von Hermann Lei «Islamschulen an der Volksschule?». Eine interreligiös zusammengesetzte Fachgruppe des Arbeitskreises entwickelte im Auftrag der Trägerorganisationen zudem den IRU-Lehrplan.
Konzept für ein neues Format entwickelt
Die theologische Bildungsarbeit sowie die religionsverbindenden Feiern zum Bettag wurden 2025 in bewährter Form fortgeführt. Zeitgleich entwickelte der Vorstand das Konzept für ein neues Format: Die Interreligiösen Impulse zur Spiritualität im Alltag legen ihren Schwerpunkt auf praxisorientierte Fragestellungen. Die erste Veranstaltung dieser Reihe fand am 26. März unter dem Titel «Religion als Privatsache? Ihre Sichtbarkeit im Alltag – ihre Bedeutung für das gesellschaftliche Zusammenleben» statt. Sie war mit über 60 Personen gut besucht.
Rücktritt des Präsidenten – Neuwahl Co-Präsidium
Matthias Loretan (73), seit 2013 im Vorstand, seit 2019 als Präsident, tritt aus Altersgründen zurück. Er wird als Ehrenpräsident nur noch beratend tätig sein. Für die kommende Amtsperiode wird der Vorstand erweitert. Die Leitungsverantwortung nehmen neu Daniel Ritter und Mark Kilchmann als Co-Präsidium wahr.
Neu zur Wahl in den Vorstand sind vorgeschlagen: Daniel Ritter (Fachstelle Religionspädagogik), Faiz Khan (Imam der Ahmadiyya-Nuur-Moschee in Wigoltingen), Elif Beyazcengiz (engagiert in den Bereichen Integration und Bildung) sowie Sibylle Treu (EVP, freikirchlich engagiert). Der Staffelstab wird damit an ein jüngeres und vielfältig zusammengesetztes Team weitergereicht, in dem Leo Gideon, Hendrik de Haas und Midjit Osmani die Kontinuität wahren.
Interreligiöser Arbeitskreis Thurgau