Südtiroler Bildungsdelegation besucht das Talenticum in Romanshorn
10.03.2026 Schule&Bildung, RomanshornNeue Wege der Talentförderung im Fokus eines internationalen Austauschs: Das Talenticum zieht zunehmend Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus auf sich. Am 26. Februar besuchte eine Bildungsdelegation aus Südtirol mit der Landesschuldirektorin sowie 21 Kaderangestellten ihres Departements die Lernstätte am Bodensee. Ziel des Besuchs war es, Einblick in neue Formen des Lernens zu gewinnen, die stärker auf die individuellen Interessen und Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen eingehen.
Im Zentrum des Austauschs stand die Frage, wie Bildungssysteme besser auf die Vielfalt von Lernenden reagieren können. In seinem Einführungsvortrag betonte Initiator Peter Fratton die Bedeutung, Talente frühzeitig zu erkennen und gezielt zu fördern. Gerade innerhalb klassischer Schulstrukturen mit Klassen, Unterrichtseinheiten und festen Stundenplänen stosse individuelle Talententwicklung jedoch häufig an Grenzen. Selbst engagierte Lehrpersonen hätten unter diesen Bedingungen nur begrenzte Möglichkeiten, auf einzelne Begabungen vertieft einzugehen.
Neue Wege gehen
Diese Einschätzung wurde von den Gästen aus Südtirol geteilt. Viele Bildungssysteme stünden heute vor ähnlichen Herausforderungen: steigende Heterogenität in den Klassen, wachsende Erwartungen an Schulen und gleichzeitig strukturelle Einschränkungen im Schulalltag.
Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang auch eine Studie der Organisation Allianz Chance+. Demnach gehen der Schweiz jährlich volkswirtschaftliche Potenziale von 20 bis 30 Milliarden Franken verloren, weil es trotz eines insgesamt starken Bildungssystems nicht gelingt, die Talente und Fähigkeiten von rund 14’000 Jugendlichen ausreichend zu erkennen und zu fördern.
Das Talenticum versucht, hier neue Wege zu gehen. Kinder und Jugendliche arbeiten nicht primär im Klassenverband, sondern in offenen Lernumgebungen, in denen sie eigenen Fragestellungen nachgehen, Projekte entwickeln und zeitweise selbstorganisiert arbeiten. Erwachsene begleiten die Lernprozesse und unterstützen bei der Umsetzung von Ideen.
Die Räume inspirieren
Auch die Gestaltung der Räume folgt dieser Idee des offenen Lernens. «Die Räume inspirieren durch ihre Einfachheit, Offenheit und ihren rohen Charakter – ein Erscheinungsbild, wie man es von Werkstätten her kennt. Räume, die zum Anpacken, Entdecken, Vertiefen, Hinterfragen, Gestalten, Weiterentwickeln, Umdenken und Umsetzen einladen», beschreibt Architekt Felix Perasso das Konzept.
Nach einem Rundgang und Gesprächen zeigte sich die Südtiroler Delegation beeindruckt. Josef Watschinger, Vorsitzender der «Stiftung Perspektivenlernen», fasste seinen Eindruck so zusammen: «Das Talenticum scheint eine wahre Werkstatt des Werdens zu sein, ein Ort, an dem sich junge Menschen bilden dürfen, ihren Fähigkeiten folgen und ihre Potenziale entfalten können.»
Dialog in regelmässigem Austausch weiterführen
Die Gäste äusserten den Wunsch, den begonnenen Dialog künftig in einem regelmässigen Austausch weiterzuführen. Auch in Südtirol werden derzeit ähnliche Ansätze verfolgt: Mit einer eigenen Stiftung sollen Lernorte entstehen, die neue Formen individueller Förderung erproben und dadurch ergänzend zum bestehenden Schulsystem wirken können.
Was als Besuch begann, wurde damit zu einem Zeichen dafür, dass die Zukunft des Lernens zunehmend dort gesucht wird, wo Bildung nicht vom System her gedacht wird, sondern vom Potenzial jedes einzelnen Kindes.
Sandra von Siebenthal
