Wellenbrecher: Doppelmoral
16.09.2026 KolumnenDoppelmoral
Leihmutterschaft ist in der Schweiz verboten. Wer aber Schweizer Medien verfolgt, könnte meinen, das Gesetz sei längst überholt. Kaum ist irgendwo ein «Wunschkind» geboren, wird aus dem verbotenen Geschäft eine rührende Familiengeschichte. Man gratuliert, lächelt und applaudiert. Was gestern noch verboten war, wird heute emotional verkauft. Offenbar braucht es manchmal nur eine gute Story, damit aus einem Gesetzesbruch gesellschaftlicher Fortschritt wird.
Dabei ist das Prinzip erstaunlich simpel: Jemand bestellt ein Kind, eine Frau stellt ihren Körper zur Verfügung und am Ende wird geliefert. Bis zu 200'000 Franken kann dieser Kinderwunsch kosten. Das klingt weniger nach Menschenwürde als nach einem ziemlich exklusiven Bestellservice.
Die Bilder aus der Ukraine haben uns kurz daran erinnert, wohin diese Logik führen kann: Babys lagen nach Kriegsausbruch in Kliniken, weil ihre Besteller nicht kommen konnten oder wollten. Plötzlich war die schöne Fassade weg. Was passiert eigentlich, wenn die Bestellung nicht mehr passt? Wenn das Kind krank ist, behindert zur Welt kommt oder die Lebensumstände sich verändern?
Natürlich ist ein unerfüllter Kinderwunsch schmerzhaft. Aber ein Kinderwunsch ist kein Kinderrecht. Wir können vieles kaufen – ein Kind gehört nicht dazu.
Und dann wäre da noch die Leihmutter. Sie wird gerne als völlig freie und selbstbestimmte Unternehmerin dargestellt. Doch wenn Frauen aus wirtschaftlicher Not ihren Körper vermieten, sollte man vielleicht nicht vorschnell von Selbstbestimmung sprechen. Schon gar nicht, wenn ihre eigenen Kinder eines Tages fragen: «Mami, warum hast du für Geld ein fremdes Kind bekommen?»
Besonders grotesk wird es bei unserer Doppelmoral: Über Adoptionsskandale in Indien haben wir uns empört. Das Schicksal der Verdingkinder hat uns erschüttert. Zu Recht! Kinder dürfen niemals zum Objekt fremder Interessen werden. Aber kaum kommt derselbe Gedanke im modernen Gewand daher, wird daraus plötzlich eine Erfolgsgeschichte – und manchmal sogar eine mediale Gratulation.
Das ist keine Aufarbeitung alter Fehler. Das ist deren Neuverpackung.
Wenn der Kinderwunsch zum Bestellrecht wird, ist der Mensch nicht mehr das Ziel – sondern die Ware.
Daniel Frischknecht