Auf den Spuren von Jan Hus – Reisebericht von Dora Soller

  03.06.2026 Kirchen, Romanshorn, Salmsach

Die Reise der Evangelischen Kirchgemeinde Romanshorn-Salmsach führte von Auffahrt bis Pfingsten nach Tschechien mit Schwerpunkt Prag.

Donnerstag
Am Auffahrtsmorgen um 7.30 treffen sich 22 Reiselustige Personen (inkl. Busfahrer) vor der evangelischen Kirche in Romanshorn zur Reise nach Prag. Unser versierter und sehr geschätzter Busfahrer Hans Martin Enz wird uns im Car via Bregenz, München Richtung tschechischer Grenze chauffieren.

Am Nachmittag treffen wir erwartungsvoll in Plsen, der Bierbrau- Hochburg, ein. Wir werden in die Altstadt entlassen, um unsere ersten Versuche in tschechischer Sprache zu üben. Ja, gar nicht so einfach, ein «Erdbeertörtli» versteht hier einfach niemand. Zum Glück ist Walter in der sprachgewandten Gruppe gut aufgehoben und sein grosser Wunsch wird ihm erfüllt. Nach einer Stunde Kurztrip in der Innenstadt nehmen wir das letzte Stück bis in die Innenstadt von Prag unter die Räder. Müde, aber glücklich und gespannt beziehen wir alle unsere Zimmer im Hotel Royal Prague. Der lange Tag endet mit einem feinen Nachtessen im Hotel. Aber so ein Schreck: einige Reiseteilnehmer und -teilnehmerinnen bekunden grosse Mühe, die Dusche in ihren Zimmern fachgerecht zu bedienen, ohne das Bad unter Wasser zu setzen oder gar einen nassen Pyjama davonzutragen. Beim ausgiebigen feinen Frühstück tags darauf ist alles Schnee von gestern.

Freitag
Ivo, unser Prager Reiseführer, wird von uns allen ganz herzlich begrüsst. Er bläut uns noch wichtige Verhaltensregeln für Prag ein. 

  1. Überquere nie eine Strasse mit Strassenbahn, bevor du deren sichere Entfernung gecheckt hast.
  2. Benutze stets den Fussgängerstreifen, aber verlass dich nicht darauf, dass die Autos anhalten.
  3. Sei mit Vorteil 65 und älter, dann fährst du gratis im öV.
  4. Es wurde mit Verzweiflung ein Behinderten-Lift zur U-Bahn gesucht und einfach nicht gefunden. Endet mit viel Lachen.
  5. Denke stets daran, dass die überlangen und recht steilen Rolltreppen zur U Bahn in starker nach hinten gebeugter Stellung zu bewältigen sind. Praktisch, aber sieht total schräg aus. 

Mit U-Bahn und Tram gelangen wir zum Hradcany-Kloster oberhalb der Prager Burg. Wir sind sehr überrascht, wie freundlich im öffentlichen Verkehr die jüngeren Menschen den Älteren den Platz anbieten.

Ivo weiht uns in die bewegte Prager Geschichte ein. Machtspiele und Intrigen zwischen den weltlichen und kirchlichen Mächtigen herrschen seit dem 15. Jahrhundert. Bei der Burg werden wir Zeugen der Wachablösung zur vollen Stunde. Danach verlassen wir den Burg-Berg Richtung Karlsbrücke. Unsere Mägen knurren und unsere Köpfe sind prallvoll mit all den Infos und Zahlen. Danke, Ivo, du weisst so viel zu berichten.

Ein gemeinsames Mittagessen in einer alten Taverne verleiht uns neue Energie, um uns am Nachmittag mutig frei in der Stadt zu bewegen. Werden wir uns da wohl zurechtfinden? In kleinen Gruppen wagen wir uns in die belebten Gassen. All die beeindruckende Architektur lässt uns staunen. Hey, da hängt ja einer an einem Balken hoch über der Strasse. Und dort oben am Rathaus bewegen sich ja Menschen auf der Turmarkade. Da wollen wir auch hin. Nach 150 Tritten und einer Rampe über mehrere Stockwerke hochgewunden erreichen wir die Plattform. Ein unbeschreiblicher Rundumblick ist die Belohnung für den erbrachten Mut zum Aufstieg. Unsere Augen erspüren unten all die kleinen Menschlein und sehen direkt auf das Jan-Hus-Denkmal auf dem grossen Platz. 

Der Tag wird mit dem Besuch des Black-Light-Theaters, einer Show vorwiegend mit fluoreszierenden Licht-Tanzelementen, und pantomimischen Clown-Einlagen mit Einbezug des Publikums beendet. Noch verklärt machen wir uns alle auf den Heimweg.

Samstag
Heute steht der Reformator Jan Hus im Mittelpunkt. Um 1369 ist Hus in Prag geboren und wirkte als tschechischer Theologe und Prediger. Er lehrte an der Karls-Universität. Er predigte inspiriert von seinen englischen Mitstreiter John Wyclif hundert Jahre vor Martin Luther die Reform der Kirche, und stirbt dafür im Jahr 1414 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen. Sein Tod löst in Böhmen eine religiöse, politische und soziale Revolte sowie einen 18 Jahre andauernden Krieg aus.

Mit rauchenden Köpfen finden wir in der Markthalle nahe an der Moldau ein feines Mittagessen. Bevor wir unseren Verdauungsspaziergang auf den Hügel des Aussichtspunktes unter die Füsse nehmen. Am Abend verteilen sich etliche zu einem Schlummertrunk in die umliegenden Beizli. Wo ist denn all das Geld hingegangen??

Sonntag
Es folgt der Besuch des deutschsprachigen Gottesdienstes in der Kirche St Martin an der Mauer. Die kleine Gemeinschaft von evangelischen Christen lädt anschliessend herzlich zum Kirchen Kaffee ein. Es bietet sich die Möglichkeit, mit einigen ins Gespräch zu kommen. Weiter gehts durch die Flaniermeile zum Pulverturm zum Mittagessen. Das Bestellen eines passenden Menüs ist gar nicht so einfach, eine halbe Portion gibt es nicht (eine Ente kann auch nicht halbiert gegessen werden). Es wird viel gelacht in den einzelnen Tischrunden. Um 18 Uhr dann der Besuch eines Konzertes im Clementinum, in der Spiegel-Kapelle des Royal Tschechischen Orchesters. Die Musik erquickt und erfreut. 

Montag
Nun steht der Besuch des jüdischen Viertels auf dem Programm: Wir bestaunen jüdische Kultur aus den Anfängen im 18. Jahrhunderts in Prag mit der Gettoisierung in ihre eigenen Viertel. Es folgte die brutale Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus. Der grösste Teil der jüdischen Bevölkerung von 90’000 wurde in die umliegenden Konzentrationslager deportiert. Ein sehr trauriges Kapitel in der Geschichte.

Weiter besuchen wir die älteste Synagoge, den ältesten Friedhof und die aktiv genutzte Spanische Synagoge. Bedenklich ist der Umstand, dass Besichtigungen nur mit Screening und Eintrittskontrollen möglich sind. Da stellt sich die Frage: Endet diese Ablehnung nie? Sehr betroffen von all den neuen, oder auch sich wiederholenden Tatsachenberichten der jüdischen Geschichte, fällt es manchen schwer, einfach wieder ins turbulente Stadtleben einzutauchen.

Nach einer ruhigen Mittagszeit in einem Hinterhof-Restaurant verbringen einige die Zeit in der Stadt, mit der letzten Gelegenheit zum Lädele. Der Genuss einer Stritzel-Rolle − das ist eine gebackene Teigrolle, gefüllt mit Eis und wählbarer Dekoration – ist ein Muss. Am frühen Abend erwartet uns ein Schiff zur zweistündigen Rundfahrt auf der Moldau. Das Nachtessen nehmen wir auf dem Schiff ein. Ivo erklärt uns einmal mehr all die Prachtbauten entlang des Ufers im Abschnitt der Stefanic-Brücke bis zur Hlavka-Brücke. Bei schönster Abendstimmung geniessen wir die schönsten Brücken Prags. Mit gemütlichem, aber eifrigem Spielen im Hotel endet der Tag.

Dienstag
Happy Birthday, lieber Hans Martin, und dem heiligen Ivo, Patron der Juristen und der armen Leute 1253−1303. Der Tag beginnt mit einer Busfahrt nach Tabor. Ivo berichtet aus dem Alltag der kommunistisch geprägten Zeit ab 1939 bis 1989 − eine sehr schwierige und traurige Zeit. Auch nach der Wende liegt vieles während Jahren noch im Argen. Wir besuchen die Ziegenburg-Ruine, wo Hus nach seiner Verbannung aus Prag 1413 zu den Bewohnern der umliegenden Dörfer predigte. Seine Gefolgschaft bestand zum Teil aus bis zu 3000 Anhängern.

Das Mittagessen im Restaurant «2 Katzen» ist überaus reichlich und wird mit einem «Ofenküechli» als Dessert gekrönt.

Die radikalen Hussiten gründen 1420 die Stadt Tabor anfänglich mit einer einfachen Holzkirche, welche dann um 1451 durch eine grosse Steinkirche ersetzt wird. Um 1425 wurde die Stadt rekatholisiert. Davon und vieles mehr erfahren wir im Hussiten-Museum. Viele Kriege und Schlachten im 14. Jhdt. beschreiben ein düsteres Kapitel der Reformationszeit. Das Hinstehen für die Heilsbotschaft von Jesus Christus erforderte und erfordert noch heute vielerorts viel Mut und forderte nicht selten das Leben.

Einige Personen der Gruppe erhaschen einen ungeplanten Blick in den Untergrund des Museums. Obwohl nicht vorgesehen, werden wir freundlich von einer Museumsmitarbeiterin dahin gebeten, werden jedoch schon bald von Ivo zurückgepfiffen. Interessant war es allemal, was da im Untergeschoss in einem Überlebensraum aus früheren Jahrhunderten in schweren Kriegszeiten gezeigt wurde.

Ein Städtlirundgang mit dem Besuch eines schmucken kleinen Lädelis und leckerer heisser Schokolade erwärmen und erquicken das Herz. Bei der Rückkehr nach Prag verabschieden wir unseren Reiseführer Ivo mit viel Applaus und einem Geschenkkorb mit Thurgauer Köstlichkeiten. Am Abend beenden wir den Tag bei einem «Absacker» auf der nahe gelegenen Moldau-Insel. Bei eintretender Dämmerung werden wir mit den Gesang einer Nachtigall auf dem Heimweg begleitet. 

Mittwoch
Am nächsten Morgen ist Treffpunkt mit allem Gepäck um 9 Uhr vor dem Hotel. Die Weiterfahrt nach Karlsbad ruft. Ade Prag, es war sehr schön. 

Stadtauswärts fahren wir nach Westen, Richtung der deutschen Grenze entlang zum Stift Tepl, einer umfangreichen Klosteranlage aus dem 12. Jhdt. Im Jahr 1950 wurden alle dort wirkenden Mönche von der sozialistischen Regierung vertrieben. Die Anlage wurde für parteiliche Zwecke missbraucht und niedergewirtschaftet. 1990 konnten die geistlichen Brüder wieder zurück in ihr Kloster, jedoch sind noch bis heute Instandsetzungsarbeiten am Laufen. Im Moment leben zwölf Mönche im Haus.

Nach dem eindrücklichen Besuch geht es weiter nach der Bäderstadt Marienbad. Opulente Herrschaftshäuser zieren das Bäderquartier. Eindrücklich ist der singende Brunnen mit dem herrlichen Wasserspiel. Gepflegte Parkanlagen, Trinkbrunnen, feudale Cafés und «vielsternige» Hotels spiegeln den mondänen Lebensstyl wider. Da war und ist offensichtlich immer noch viel Geld vorhanden.

Weiter fahren wir durch abgelegenen Weiler und kleine Landdörfchen, durch in stark bewaldete Umgebung, Richtung Karlsbad. Ein letzter Halt erwartet uns noch am Fluss Eger, genaugenommen in Loket. Ellbogen heisst der Name auf Deutsch. Von dem Fluss fast ganz eingeschlossen, thronen die Burganlage, die Kirche und das schmucke Dorf hoch über der Eger. Am Abend in Karlsbad angekommen, beziehen wir unsere Zimmer im Hotel Thermal – ein unschönes Hochhaus inmitten von schmucken, alten Hotels und Herrschaftshäusern. Auch kennt man die Bädertradition seit dem 16. Jhdt. Auch Goethe wohnte zeitweise in Karlsbad, wenn er nicht gerade in Marienbad mit seiner Angebeteten Ulrike flanierte.  

Donnerstag
Ein freier Tag steht für das Bewandern der bewaldeten Umgebung, dem Besuch eines feinen Cafés, dem ausgiebigen «Lädele» oder natürlich dem Geniessen im Thermalbad zur Verfügung. Das sehr warme Wasser tut all unseren Körpern gut. Einige sind neugierig und probieren das gegen 60 Grad heisse, salzige Wasser an den Trinkstellen. Ein Genuss ist es definitiv nicht! Müde, aber überaus glücklich werden nochmals die Erlebnisse und Eindrücke dankbar in einer Abschlussrunde ausgetauscht. 

Danke, lieber Hans Martin und liebe Anna, danke, liebe Jeannette, für die umsichtige, vorausschauende, weise und herzliche Reiseplanung, das sichere Fahren von Hans Martin, auch wenn’s mal sehr eng wurde. Das feine Miteinander, das prägend war für die ganze Gruppe während der ganzen Reise. Es wurde gut zueinander geschaut. So sprang Hans Martin in Geistesgegenwart zurück auf das Perron, weil es jemand nicht mehr in die überfüllte U-Bahn schaffte. In Kleingruppen konnten die persönlichen Bedürfnisse aufgefangen werden. In freundschaftlichen Gesprächen lernten wir uns gegenseitig besser kennen. Wir durften einander zuhören, Mut zusprechen, miteinander viel Lachen. 
DANKE FÜR DIESE UNVERGESSLICHE MÖGLICHKEIT!

Freitag
Die Rückfahrt nach Romanshorn wird am Mittag mit einem ausgiebigen Halt in Regensburg unterbrochen. Am Abend erreichen wir müde und glücklich Romanshorn, wo die Angehörigen bereits warten.

Dora Soller, Teilnehmerin aus Mörschwil
 


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