Gaby Zimmermann − ein Leben mit Herz, Mitgefühl und Humor
26.02.2026 Kirchen, Uttwil , Salmsach, RomanshornGaby Zimmermann, pensionierte Gemeindeleiterin von Romanshorn, hat ihr Zuhause auf einem Bauernhof in Kesswil gefunden, wo sie mit ihrem WG-Partner Toni Bühlmann sowie einer bunten Schar aus vier Schweinen und verschiedenen Hühnern zusammenlebt. Dieses Zuhause spiegelt wider, was schon ihren Dienst geprägt hat: die tiefe Verbundenheit zu Mensch und Tier. Trotz dieser Idylle fällt das Loslassen ihrer früheren Aufgabe nicht leicht.
Der «Seeblick» hat sich mit Gaby Zimmermann unterhalten.
Als ich Gaby Zimmermann im Kirchengemeindehaus in Romanshorn treffe, sitzt mir eine Frau gegenüber, die mit wachem Blick und herzlichem Lachen von einem Leben erzählt, das ohne den Glauben kaum denkbar wäre – und doch nie selbstverständlich war.
Aufgewachsen in einer katholischen Familie, engagierte sie sich schon früh in der Kirche und in kirchlichen Organisationen. «Ich habe dort unglaublich viel gelernt», sagt sie. «Fürs Leben – und über mich selbst.» Dass sie einmal Theologie studieren würde, sei bald klar gewesen. Und doch steht die Frage unausgesprochen im Raum: Warum entscheidet sich eine Frau für katholische Theologie, wohl wissend um die strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Kirche?
Gaby Zimmermann zögert nicht. «Damals hatten wir die Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte», sagt sie nachdenklich. Diese Hoffnung habe viele ihrer Generation getragen. Rückblickend konstatiert sie allerdings, dass der Weg der Kirche in der Frauenfrage eher von Rückschritten als von Fortschritten geprägt gewesen sei. Bitterkeit klingt in ihren Worten nicht mit – eher eine nüchterne Klarheit.

«Glaube fordert Mitmenschlichkeit ein»
Glaube, so beschreibt sie es, falle einem nicht einfach zu. «Man muss ihn sich erarbeiten.» Erst wer sich wirklich mit Fragen, Zweifeln und Texten auseinandersetze, könne Erfahrungen machen, die den Glauben tragen. Für sie bedeute Glaube Hoffnung, Motivation, Schutz und Halt. Aber auch Verantwortung. «Er fordert Mitmenschlichkeit ein.» Und genau das lebt sie. Mit Herz, Mitgefühl und einer guten Portion Humor stellt sie sich in den Dienst der Kirche – den sie stets als Dienst am Menschen versteht.
«In der Kirche sind Begegnungen von Mensch zu Mensch möglich», sagt sie. «Wir können uns begegnen, ohne dass im Hintergrund eine Gebührenuhr tickt.» Dieser Satz bleibt hängen. In einer Gesellschaft, in der vieles verrechnet und bewertet wird, sieht sie in der Kirche einen Raum zweckfreier Begegnung.
Die zahlreichen Kirchenaustritte bereiten ihr Sorge. Leere Bänke in den Gottesdiensten bedeuten nicht nur weniger Gemeinschaft, sondern auch schwindende finanzielle Möglichkeiten. «Für mich ist das auch ein Zeichen für schwindende Solidarität», sagt sie. Die Bereitschaft, Angebote mitzutragen, die allen zugutekommen, nehme ab. Gleichzeitig verschliesst sie nicht die Augen vor den problematischen Seiten der Institution Kirche. Sie kennt sie – und benennt sie. Doch sie hält daran fest, dass die Idee von Gemeinschaft und Solidarität mehr ist als ihre institutionelle Gestalt.
«Bewahren, was sonst verloren geht»
Nach ihrer Pensionierung wartete keineswegs der Rückzug ins Private. Gaby Zimmermann lebt heute in einem Bauernhaus mit ihrem WG-Partner Toni Bühlmann, einem pensionierten Priester. Vier Schweine gehören ebenso dazu wie eine muntere Schar Hühner – allesamt alte, vom Aussterben bedrohte Rassen. Auch das ist gelebte Verantwortung: bewahren, was sonst verloren ginge.
Der Abschied aus der Gemeinde fiel ihr dennoch nicht leicht. Und ganz gelungen ist er ohnehin nicht: Derzeit überbrückt sie eine Vakanz und ist wieder mitten im kirchlichen Alltag.
Was bedeutet gelebter Glaube konkret? Sie spricht von Struktur. Von Morgen- und Abendgebeten, vom Klang der Kirchenglocken, der zum Innehalten einlädt. Von der Auseinandersetzung mit biblischen Geschichten, die nicht nur historische Texte, sondern Spiegel des eigenen Lebens sein können. Besonders wichtig ist ihr das Gebet. «Es ist ein Moment der Dankbarkeit», sagt sie. Gerade in schwierigen Zeiten könne die bewusste Wahrnehmung des Guten – im Kleinen wie im Grossen – Kraft schenken. Ich nicke. Auch mir ist diese Praxis vertraut.
Doch eines betont sie mit Nachdruck: Glaube darf nicht bei Innenschau und Gebet stehen bleiben. «Wir müssen ins Tun kommen.» Glauben heisse, handelnd in die Welt zu treten, Verantwortung zu übernehmen und sie gemeinsam zu gestalten. Vielleicht ist es genau diese Verbindung aus Besinnung und Engagement, aus Hoffnung und Tatkraft, die Gaby Zimmermann auszeichnet – und die ihrem Glauben eine stille, aber spürbare Kraft verleiht.
Sandra von Siebenthal






